Na, so was! Lauter kleine Täfelchen mit Pflanzennamen stehen jetzt bei ihren „Partner-Pflanzen“ auf Burg Hartenstein. Und in Vorra erstreckt sich an der Stöppacher Straße eine Art Sandarium mit Dolomitsand, das von den Kindern der Grundschule liebevoll bepflanzt wurde. Schließlich ist da noch ein Rundgang auf Burg Hohenstein, bei dem man auf Infotafeln viel über Lebensräume und Pflanzen der nördlichen Frankenalb erfahren kann.
Wie diese drei Flächen zusammenhängen? Über das Projekt „Mittelfrankenstauden“ und über die App „natur.digital“. Dr. Doris Jensch von der Regierung von Mittelfranken hat die Gemeinden Hartenstein und Vorra und den Burgverein Hohenstein als Partner gewonnen, um schöne Pflanzen der Region auf öffentlichen Flächen vorzustellen. Die Hersbrucker Alb ist dabei etwas ganz Besonderes: Sie gilt innerhalb von Deutschland als Hotspot der Biodiversität. Es gibt eine Vielzahl von Pflanzen – und einige sogar ausschließlich hier. Die Besonderheit der Hersbrucker Alb: Sie ist sehr strukturreich, das heißt, kleine Bereiche Acker und Grünland wechseln sich mit Wäldern, Bachtälern und Felsen ab.
Nochmals besonders ist in Vorra, Kirchensittenbach (zu dem Burg Hohenstein gehört), Hartenstein sowie Velden: Hier stehen sogenannte Dolomit-Kiefernwälder mit besonders vielen bunten Pflanzenarten auf dem sehr seltenen Dolomitsand.
Die Pflanzenvielfalt zieht dann auch eine Vielfalt der Tiere nach sich, weil zum Beispiel viele Wildbienenarten und Schmetterlingsraupen nur ganz bestimmte Futterpflanzen haben.

Foto von Dr. Doris Jensch (v.l.n.r.): Dr. Doris Jensch, Bianca Weigl Bianca Weigl (2. Bürgermeisterin Hartenstein), Bernd Müller (1. Bürgermeister Vorra)

Foto von Dr. Doris Jensch
Erkunden kann man diese Vielfalt jetzt ganz neu und auf unterschiedliche Weise:
Auf Burg Hohenstein lockt ein Rundweg mit sechs Infotafeln zu den Lebensräumen und ihren Pflanzen. Andreas Fuchs vom Verschönerungsverein Hohenstein und Umgebung meint dazu: „Nur knapp 400 m führt der Rundweg mit wunderbaren Ausblicken um die Burg. Aber er hat es in sich, denn der Hohensteiner Felsen ist steil. Dafür gibt es so viele Pflanzen auf engem Raum zu entdecken, dass es selbst für die Hersbrucker Alb ein Highlight ist. Ob die Vielfalt vom Dolomit, Mauerbewohner, die schon vor langer Zeit die Burg für sich entdeckt haben, die Hersbrucker Mehlbeere, die nur in der nördlichen Frankenalb vorkommt, oder die bunte Farbenpracht der Wegränder.“ Schmunzelnd fügt er hinzu: „Und natürlich kann man unsere Burg mit ihrem Rittersaal und Kräutergarten ebenfalls besuchen oder hier Tagungen durchführen. Nicht nur die Pflanzen sind vielfältig, unser Angebot ist es auch.“
Bürgermeister Bernd Müller aus Vorra freut sich, dass die Pflanzen bei ihm barrierefrei zugänglich sind: An der Stöppacher Straße haben Schüler der Grundschule dreizehn verschiedene Arten in ein Beet aus Dolomitsand gesetzt. Jeder Bereich wurde von einer Kindergruppe besonders gestaltet. Müller findet schön, dass er vom Rathaus in einer Minute dort ist. „Nur einmal unter der Bahnlinie hindurch!“, sagt er. „Und auch bei uns erklärt eine farbenfrohe Infotafel, was für Schätze unsere Natur bietet. Das haben die Schüler der dritten und vierten Klasse letzten Herbst bei unserer Pflanzaktion praktisch und theoretisch erfahren und waren mit Eifer dabei!“
Noch eine andere Möglichkeit zur Pflanzensuche bietet Burg Hartenstein: Besucher können Täfelchen entdecken, die einen Pflanzennamen und einen QR-Code zeigen, der zu interessanten Pflanzenportraits führt. Da stellt sich die Frage: „Habe ich schon alles gefunden?“ Oder: „Warum ist ein Täfelchen an der Mauer zu finden?“ Die Antwort verrät Waltraud Treutlein vom örtlichen Obst- und Gartenbauverein: „Frau Dr. Jensch hat uns eine Pflanzenart mitgebracht, die in Deutschland nur auf Felsen in der Hersbrucker Alb und im Südharz wächst – und die steht jetzt natürlich auf Felsen unterhalb der Burg. Da muss man über die Mauer schauen und genau hinsehen.“ Ihr Verein hat aber auch einige Arten für die Bepflanzung der Burg aus heimischem Saatgut gezogen – gar nicht so einfach, denn einige Arten brauchen besondere Bedingungen für die Keimung! Bianca Weigl, 2. Bürgermeisterin von Hartenstein, freut sich sehr, dass Burg Hartenstein damit eine schöne Attraktion hinzugewonnen hat.

Foto von Dr. Doris Jensch (v.l.n.r.): Dr. Doris Jensch, Mitarbeiter des Bauhof Hartensteins, Waldtraud Treutlein (OGV Hartenstein), Bianca Weigl (2. Bürgermeisterin Hartenstein)
Zu finden sind diese Wege, die Pflanzenportraits und „Points of Interest“ auch auf der kostenlosen App „natur.digital“, mit der man Bayerns vielfältige Natur erkunden kann, ohne sie zu beeinträchtigen. Sie wird vom Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz herausgegeben. Anders als andere Apps ist sie wirklich naturfreundlich, führt nur dorthin, wo nichts zerstört wird, bietet aber jede Menge Infos zu Arten, Lebensräumen, hat hunderte kleine Geschichten parat, die Lust auf Mehr machen.
Eine der Geschichten gefällig? Zur Gewöhnlichen Hundszunge ist zu lesen: „Diese Pflanzenart kann man als Mensch nicht suchen, man findet sie zufällig – an unterschiedlichsten Stellen: von Treppenstufen in der Großstadt bis hin zu Waldrändern in der Frankenalb, Hauptsache der Boden ist nährstoffreich und nicht sauer. Ein Hund dagegen könnte sie suchen, denn sie hat einen charakteristischen Geruch. Er erinnert an Mäuse und ist für Menschen eher unangenehm.
Faszinierend ist die Blütenfarbe, die von blassrot über braun zu lila wechselt. Die großen Samen (etwa 5 Millimeter Durchmesser) sind wie Löffelchen geformt und über und über mit Spitzen bedeckt. Sie bleiben mit ihrer rauen Oberfläche gut an Tierfell und Kleidung hängen und werden von Tieren abgestreift, wenn sie durch Gebüsch laufen. Entsprechend findet man Hundszunge oft an Wegrändern. Die schmalen rauen Blätter erinnerten unsere Vorfahren an die lang heraushängende Zunge von Hunden, daher kommt der Name der Pflanze.“
In natur.digital gibt es übrigens auch einen Weg in Velden, der vierten Gemeinde mit Dolomit-Kiefernwäldern in Mittelfranken. Passend ist er vier Kilometer lang, eine Runde, die das abwechslungsreiche Nürnberger Land wunderbar repräsentiert. Wenn man die App nutzt und damit loswandert, kann man sich zusätzlich an Schmetterlings-Fotos erfreuen und erfahren, was die Buche mit den Buchstaben zu tun hat!
Vielleicht kommt bald noch ein weiterer Punkt auf natur.digital hinzu. In Kirchensittenbach wird der Kirchplatz gerade möglichst naturnah gestaltet, dabei auch ein Beet mit dem seltenen Großblütigen Fingerhut. Bürgermeister Klaus Albrecht freut sich schon auf das Ergebnis.
„Mittelfrankenstauden: Warum ein Projekt zu heimischen Pflanzen?“
Aus Naturschutzsicht sollten in vielen Gärten und auf öffentlichen Flächen heimische Pflanzen stehen, möglichst aus regionaler Herkunft der Samen. Warum?
Grund 1: Bienen; Viele unserer ca. 600 heimischen Wildbienenarten sind auf bestimmte Pflanzenarten spezialisiert. Die Bienen haben jedoch nur bestimmte, oft wenige Wochen dauernde Flugzeiten. „Ihre“ Pflanzen sollten also nicht nur an vielen Stellen vorhanden sein, sondern auch zur Flugzeit blühen, damit die Bienen den Pollen für ihre Brut sammeln können. Werden in Franken z.B. Pflanzen aus Norddeutschland gesetzt, stimmen Blütezeit und Flugzeit öfters nicht überein.
Grund 2: Schmetterlinge und weitere spezialisierte Insektenarten; Auch bei ihnen gibt es oft enge Bindungen an bestimmte Futterpflanzen. An Exoten wie Kosmeen, Zinnien oder Phlox, so hübsch sie für uns Menschen aussehen mögen, finden nur wenige heimische Insekten Futter. Für die schönen Bläulingsarten dagegen braucht es je nach Art Wundklee, Süßen Tragant, Thymian, Purpur-Fetthenne oder Sonnenröschen. Diese Pflanzen sind in den Projektflächen zu finden.
Grund 3: invasive Neophyten; Einige beliebte exotische Gartenpflanzen haben sich zu wahren Plagen in der hiesigen Natur entwickelt. Dazu zählen Lupine, Kirschlorbeer oder Schmetterlingsflieder. Lupinen müssen in besonders schützenswerten Gebieten mit zum Teil großem Aufwand bekämpft werden. Im Zuge des Klimawandels können weitere Gartenpflanzen in die Ökosysteme eindringen, z.B. weil sie wärmeliebend sind.
Grund 4: Regionale Anpassungen der Pflanzen sollten bestehen bleiben. Werden Pflanzen lokaler Herkunft mit Pollen von ihren Artgenossen aus anderen Gebieten bestäubt, gehen Anpassungen verloren, z.B. an Klima oder Boden.
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Damit „alles stimmt“, um heimische Pflanzen und Tiere zu erhalten, gibt es das Projekt „Mittelfrankenstauden“. Im Rahmen der Bayerischen Biodiversitätsstrategie werden mit den Projektpartnern – wie Gemeinden oder Vereinen – heimische Pflanzen auf öffentlich zugänglichen Flächen gesetzt oder schon vorhandene Bestände gepflegt. Die Samen für die Anzucht der Arten werden naturschonend von beauftragten Botanikern von Pflanzen aus der Umgebung geerntet.
Wichtig ist den Projektverantwortlichen von der Regierung von Mittelfranken (Sachgebiet Naturschutz) auch die Öffentlichkeitsarbeit mit Infotafeln, Schulveranstaltungen und Vorträgen sowie Einträgen in der App natur.digital. Wenn viele Menschen Gefallen an den heimischen Arten finden, können in immer mehr Gärten Trittsteinflächen für die Biodiversität entstehen.




